memoryscapes

Interviews


Wolfgang Heger


Zur Ästhetik des Verschwindens in der Malerei Hartmut Landauers

Hartmut Landauer hat in den letzten Jahren in seinem Oeuvre von der figuralen Malerei hin zu einer offenen Malerei gefunden, die zwar weitgehend auf Abbildhaftes verzichtet, in ihrem Kern jedoch äußerst konkrete Wirklichkeitsbezüge aufweist.

So erstaunlich es vielleicht klingen mag: den Figurationen der vitalen Malerei Südamerikas, etwa der muralistischen Tradition der mexikanischen Malerei eines Siqueiros oder Rivera, aber auch den surrealistischen Bildwelten der Frida Kahlo verdankt ein Maler wie Hartmut Landauer viel. Denn diese Bildwelten waren zugleich prägende Erfahrung und Ausgangspunkt für sein späteres Schaffen. Von diesen Erfahrungen ist nun nichts mehr "offen"-sichtlich, die Figuration verschwand langsam unter Landauers Malschichten wie Pompeij unter der Lava des Vesuv. Und der Vergleich dieser Malerei mit Naturgewalten, der Vergleich des Malers mit dem mythischen Vulkanus ist zutreffen der, als man es vielleicht glauben mag. Es scheint, als seien diese vergangenen Bildwelten für das Auge unrettbar verloren gegangen - wer Landauers frühe Malerei kennt, wird deren optische und symbolische Opulenz sicher gelegentlich vermissen - doch diese Bildkultur war da, war stilprägend für Hartmut Landauer und sie existiert - so möchte ich vermuten - als Unterströmung in den neuen Arbeiten noch immer. Es hat in der Malerei von Hartmut Landauer also eine allmähliche Auslöschung dieser Malerei mit ihren erzählerischen Strukturen gegeben und zugleich ist eine Spurensuche daraus geworden.

Die ganze Welt, die fünf Kontinente sind für Landauer zu Telekontinenten geworden, eher Sphären / Schwebegerüste als tatsächliche Orte. Kommunikationsnetze umspannen die Welt der Telekontinente und eine Formensprache hat sich entwickelt, die nicht mehr auf den abendländischen Formenkanon beschränkt ist. Die Telekontinente mit ihrer weltweiten Vernetzung versprechen unbegrenzte Kommunikation und signalisieren Verbundenheit über Grenzen hinweg. Aber: "Meine Sehnsucht fliegt über die Welt im leeren Satelliten, der mich belügt, dich gefunden zu haben." heißt es bei Hartmut Landauer. Trauer über den Verlust der konkreten Begegnung mit dem anderen. Dieses Wissen bedingt eine leise Melancholie, die sich in seiner Arbeit niedergeschlagen hat und in der Auslöschung des Abbildes mündete. Eine leise Melancholie über die Reduktion der Sinnlichkeit und der körperlichen Präsenz auf optische und akustische Signale. Die Entzauberung der Welt ist bereits im Gange, Augen und Ohren nomadisieren zwar global, doch war man wirklich da? Und was hat man am fremden Ort erfahren? In den Zeiten des Cyberspace gibt es mit dem Zugewinn an virtuellem Raum zugleich auch einen Verlust an Konkretion, einen Mangel an echter Berührung. Übrig bleiben: Stimmungsfragmente, Erinnerungsfetzen, Reminiszenzen. Der Standpunkt des Betrachters ist einer mit dem Rücken zur Wand. Er ist bereits bedroht von der geschädigten Erkennbarkeit der Welt und der Dinge.

Die Bilder Landauers berichten seit der Serie Telekontinente nicht nur vom Verlust illusionistischer Raumtiefe, sie visualisieren geradezu seine Skepsis gegenüber der Figuration, sie offenbaren das Mißtrauen des Künstlers gegenüber dem Abbildhaften, aber sie sprechen überdies auch eindringlich von der Auflösung verbindlich geglaubter Sinnbezüge.
Diese Erkenntnisse aus den Telekontinenten, das Nicht-Festhalten-Können von Ort, Zeit und zwischenmenschlicher Begegnungen, die Erfahrung der Pseudokommunikation über Kontinente hinweg, all das hat Landauer in den letzten Jahren konsequent von der Serie Weltteile, über die Lighthouse Ray Paintings, über die Aktion Verschenkte Objekte bis zu den memory scapes bearbeitet. Menschliche Figur, die deutungsträchtige Symbolik, Technik und Architektur, Natur und Idyll - das ganze Repertoire künstlerischer Sageweisen fällt weg, all das ist für Landauer zunächst nicht mehr abbildbar, das alles muss wie ein frühzeitlicher, archäologischer Fund neu bestimmt und vielleicht rekonstruiert werden.
Nun ist bei den Deutungsversuchen dieser Relikte nichts wirklich eindeutig. Es sind Funde, die eben nicht offenliegen, sondern die dem Vergessen erst entrissen werden müssen. Der "naive", frühe Glaube an das tatsächliche Erlebnis (die reale Begegnung mit dem Fremden - das Schlüsselerlebnis des Lebens in Ecuador / Mexiko, dann die erneute Erfahrung von Fremdheit als Folge der Rückkehr nach Deutschland, all das hat sich nun verflüchtigt, die Nostalgie der Telekontinente ist den Erfahrungen der memory scapes gewichen. Selbst der eigene Erfahrungsschatz, so scheint es, ist Re-Konstruktion. Es sind Landschaften aus dem Gedächtnis, eine merkwürdige Mischung aus Traum und Erlebnis, vergraben unter der Zeit und den Kilometern, aber auch (der kulturellen) Distanz. So gesehen ist Landauers Wendung zu einer puristischen Malerei ein Akt der Ehrlichkeit, der Selbsterkenntnis und der Reinigung.

Landauers symbolisch-opulente, lebenspralle Malerei hat sich transfomiert und reduziert und zwar auf eine einfache Antwort auf die Frage: was können wir wissen? Bei aller Souveränität, bei aller ästhetischer Delikatesse der Bildobjekte, geht der Weg konsequent in eine Askese. Eine tiefe Skepsis gegenüber dem Bild liegt vor, überspitzt formuliert findet sich sogar eine gewisse Bilderfeindlichkeit, genauer gesagt: Abbildungsfeindlichkeit, ohne das Hartmut Landauer - paradoxerweise- je auf das >Bildermachen< verzichtet hätte. Denn: Landauers Verzicht auf das Abbilden, auf das virtuose Ausmalen von folkloristisch oder surrealistisch deutbaren Szenarien, der radikale Verzicht auf die exotistische Folie Süd-Amerikas und seiner Bildtraditionen bedeutet eben keinen Verzicht auf die ästhetische Utopie, auf den >anderen< Ort. Nur gewinnt er den nicht mehr aus künstlerischer Ortsveränderung und der Adaption einer fremden Kultur.

Landauer spricht in seinem Künstlerbuch Zeitalter der Abwesenheiten von "jener Nivellierung von Allem" und er stellt fest: "wo alles gleich ist, ist Weltzentrum und Völker werden Folklore".


Aus dieser Erfahrung hat Landauer als Künstler Konsequenzen gezogen. Er reist in seinen Arbeiten nicht mehr auf dem Globus, sozusagen auf der Welt der Oberflächen und der An-Sichten, sondern ist im Inneren der Kontinente, in der Innenwelt angekommen.

Hartmut Landauer äußerte im Gespräch die Wunschvorstellung, in seinen memory scapes flanieren können. Kein Zufall denke ich, ist dieser Wunsch, -der Maler malt ja diese Welt- der Bildgrund kann damit zum Ort der tatsächlichen künstlerischen Präsenz werden, er kann zugleich aber auch Raum für Schöpferstolz und eine lebensermöglichende Utopie sein. Die memory scapes sind demnach virtuell und konkret zugleich. Ganz modern also und doch stehen sie als Naturdarstellungen innerhalb der künstlerischen Tradition der Avantgarde. Aber wie ist Natur in Landauers Arbeiten zu verstehen? Antwort gibt Willi Baumeister, ein bedeutender Vertreter der Klassischen Moderne. Denn die Kunst bildet nach einem Wort von Willi Baumeister nicht nach der Natur, sondern wie die Natur: "Naturalismus ist fern der Natur. Je naturalistischer ein Gemälde ist, desto mehr wird es zur Wachsleiche. Es mißachtet die Zeit". Hatten die frühen figuralen Arbeiten eine merkwürdige Abwesenheit von Zeit, von Zeitlosigkeit, so ist nun umgekehrt jedes von Hartmut Landauers Bilder quasi Träger von Zeit.

Jedes Bild hat seine eigene Schöpfungsgeschichte. Landauers Arbeiten kennzeichnet nun Prozeßhaftigkeit: da gibt es Aufbau und Schichtung, auseinanderreissen und neu zusammensetzen. Überlagerungen und Diskontinuitäten, denn: unter der endgültigen Form liegen zahllose andere Sinnschichten, eine Morphologie, eine künstlerische Erdgeschichte mit Auf- und Abtragungen. Durch den malerischen Blick auf die Verwerfungen in diesen übereinanderliegenden Schichten, wird das Material selbst zum Thema, wird die Welt zum Puzzle, zum Rätsel. Die memory scapes wirken wie Flugzeugaufnahmen, sie ähneln Luftbildern und ähnlich geht es wohl mit unserer Erinnerung. Wir machen eine konkrete Erfahrung und im Versuch, diese Erfahrung in der Erinnerung zu konservieren, scheint es als wären wir wie mit dem Flugzeug über die erinnerten Situationen hinweggeflogen. Hartmut Landauer. lässt den Betrachter diese Erfahrung nachvollziehen. Landauer nimmt uns nicht mehr mit auf die exotische Reise und malt uns sein ästhetisches Weltbild auf, dass wir genießend betrachten können, denn die memory scapes konfrontieren uns mit unseren eigenen Bildern, werfen uns auf unsere eigenen Anschauungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen zurück. Wir kennen ja den konkreten Bild-Auslöser nicht, Landauer verzichtet ja auf die Schilderung, wir wissen nichts um den verschlungenen Parcours seines Gedächtnisses.

Das Material ist ihm wichtig für die Vermittlung von Gefühlen, es ist der Transmitter für die sinnlichen Informationen, die seine Bilder bergen, aber sie sprechen sich nicht mehr aus, denn die memory scapes müssen erst durch den Betrachter erschlossen werden, sie werden erst >besiedelt< durch unsere eigenen Vorstellungen, die hinzukommen. Aus diesem hybriden Konglomerat von Eigenem und Fremden rührt wohl die magische Eindringlichkeit, aber zugleich auch eine merkwürdige Isolation und Traumverlorenheit. Hartmut Landauers Bilder kennzeichnet die Spannung aus subjektiver Innerlichkeit und Welt-Offenheit. Da gute Kunst sich dem Unbekannten nur vorsichtig nähert, geht die Magie des Bildes glücklicherweise auch im Zeitalter der Telekontinente nicht verloren. Immer bleibt da ein Restbestand an Numinosem, (an letztlich Unerklärbarem) und das weiß Hartmut Landauer genau. Deshalb schimmert durch die Bildebenen seiner memory scapes immer das Geheimnis früherer Antworten oder seiner Fragen.

Mit Hartmut Landauer haben wir es mit einem Maler zu tun, auf den in besonderem Maße zutrifft, was Georges Braque einmal so formuliert hat: "Es genügt nicht, sichtbar zu machen, was man malt."

Gehalten an der Eröffnung der Ausstellung >memory scapes<, Kornhaus Kirchheim-Teck, 22. Juni 2003