memoryscapes

Interviews


Auflösung als Wandel


Über Räume, Dinge und die Re-Dekonstruktion in den neuen Arbeiten Hartmut Landauers

Die Gemälde der memoryscapes tragen weiterhin Geschichte in ihren Schichtungen. Doch Hartmut Landauer hat seine Räume ständig vergrößert, die geistigen wie die physischen. Er ist Einwanderer in eigene Welten und ihr Erfinder: Nach einem abgeschlossenen figürlichen Gesamtwerk, dem er sich über ein Jahrzehnt lang widmete findet er nach weiteren zehn Jahren der Suche sein Territorium innerhalb der Abstraktion, nur um diese wiederum zu überwinden.

Dieses neue Werk erinnert noch einmal an die Möglichkeit einer archäologischen Rekonstruktion der eigenen verloren gegangenen gegenständlichen Bilderwelt des Malers. In dieser von ihm akzeptierten Fragmentierung und Auflösung entsteht das unabhängige neue Werk. Das Einfrieren von Freiheit oder die Verantwortung für das Werk: Über die Dekonstruktion zur Rückkehr zum Ganzen

Das Schichten und Überlappen in den Gemälden sowie die Dekonstruktion und das Zerschneiden bei den Objekten sind für Hartmut Landauer die einzig denkbare Art, zur ganzen Form zurückzukehren, zur Gesamtheit. In diesem Patchwork manifestiert sich ihm das ausschnitthaft Verwobene als ein Ganzes. Die freie Dekonstruktion dient lediglich der Erschaffung eines zusammengefügten neuen scheinbaren Ganzen.
Diese Arbeitsweise verlässt sich auf die Intuition: Das hauptsächliche Konzept ist der dekonstruktive Arbeitsprozess selbst. Dieser schafft die Voraussetzung für das vollendete Werk und gleicht oft der Erfindung eines Phönix aus der Asche.

Die permanente Kreation lebt von der Neugier und vom Willen zu bilden. Es wird erschaffen um des Erschaffens willen. Das nie Dagewesene will ans Licht. Alles, mit dem der Künstler in Berührung kommt, wird zum Teil eines puzzleartigen Spiels, dessen Regeln und Bestandteile ständig verändert werden, wobei auch die Zerstörung ein kreativer Akt ist. Die Möglichkeiten sind unendlich: Formen tauchen auf, werden verändert, zerstört und neu geordnet. Es ist, als würde aus einem Linienwirrwarr die Komposition langsam hervortreten. Mit aller Logik werden anstelle von logischen intuitive Entscheidungen getroffen, deren Ergebnis eingefrorene Freiheit ist: Eine mögliche Version unter unendlich vielen anderen hat sich durchgesetzt.

Ähnlich verhält es sich bei den skizzenhaften, leichteren Papierarbeiten und Kartonobjekten. Eine immense Sammlung von wertlosen Verpackungen, Bucheinbänden, Mappen, Kartonagen, Folien und Klebebändern dient als sinnliches Archiv zur schnellen Umsetzung collagierter Ideen. Es wird so oft geschnitten, vertauscht und zusammengefügt, bis aus dem Grundmaterial ein transmutiertes neues Wesen erwächst. Hartmut Landauer ermöglicht sich mit dieser Technik, was ihm im Gemälde verwehrt bleibt: Das Nebeneinandersetzen und Übereinanderfalten ausgeschnittener Form im Gegensatz zur Überdeckung und Überlappung. Während sich das starre, unveränderbare Gemälde nur über seine Geschichte - also gedanklich - aufblättern lässt, bleibt den anarchischeren, fragileren und faltbaren Objekten die Freiheit sich einer endgültigen Fassung zu entziehen, sie nehmen diese erst durch die Bannung an der Wand oder auf dem Tisch an, die man mit einer Lebendstarre vergleichen könnte. Durch die vielen Klapp- und Faltmöglichkeiten sind die Objekte eher mobile, instabile Module, die sich sogar weigern eine bestimmte Funktion zu erfüllen.
Die einzige selbst auferlegte Eingrenzung erfolgt durch die Wahl der Technik: Gerade Seiten und Kanten sind schnittbedingt oder entstehen durch abkleben und ausfüllen einer Form. Das gibt der informell wachsenden Arbeit ein ästhetisches Fundament und eine Sprache, die später in der Kommunikation mit dem Betrachter wesentlich ist. Diese formale Gesetzgebung durch die Technik könnte mit der Improvisationsfreiheit innerhalb der Harmonielehre verglichen werden. Die Gefahr in Wahllosigkeit und Beliebigkeit abzufallen, wird dadurch eingegrenzt.
Die Stärke liegt in der Aufrichtigkeit der Arbeit. Die Zeit arbeitet mit, wenn sich die überlappenden, schablonierten und abgeklebten Sandschichten vom Grundriss über das Skelett eines Bildes nach oben arbeiten und eine Geologie überdeckter und ausgesparter Formen im Gedächtnis des Bildes zurücklassen. Diese Dichte und Spannung in Hartmut Landauers Malerei, in der die tradierten Mythen des klassischen Tafelbildes mitschwingen, kommt aus der Authentizität des Tuns.
Wenn das Werk bereit ist sich abzulösen von seinem Schöpfer, wenn es entfesselt wird, steht es alleine im Raum: "Ich bin!" sagt es, doch es bleibt verwurzelt mit der Geschichte seiner Schöpfung, durch sie genährt und mit ihr verbunden.

Das einundzwanzigste Jahrhundert manifestiert sich für Hartmut Landauer als Zeitalter der Auflösung. Für ihn ist die Moderne, künstlerisch und kulturell gesehen, noch nicht zu Ende gebracht. Es zu tun bleibt hochgradig komplexe Arbeit an der zerstörten Form - die Suche nach Ganzheit. Die Sehnsucht danach schafft im Glücksfall Einfachheit im Ergebnis. Nur noch über Umwege lässt sich zur Schönheit zurückfinden. Es ist klar, woher die Überlappungen und Zerschneidungen herrühren: Sie sind Umwege. "Ich kann nur ein Bild malen, von dem ich nicht weiß, wie es aussehen wird." hat Hartmut Landauer gesagt. Der Drang es kennen lernen zu wollen, führt ihn zur Arbeit.
Ästhetisches Empfinden und Minimalisierung sind in Hartmut Landauers Arbeit zwangsläufig evolutionärer Natur und weniger bewusst gewählte Gestaltungsprinzipien oder Konzepte. Wenn er in seinem heutigen Werk in einer zeitgenössischen Ästhetik angekommen ist, dann auch, weil er sich in seinem beinahe fünfundzwanzigjährigen Schaffen kontinuierlich verändert hat. Im Widerspruch zu seiner zurückfordernden Haltung nach Verbindlichkeit (in der zweidimensionalen Eingrenzung der Malerei) ist demnach bereits eine sich abzeichnende Entwicklung in Richtung Postmodernismus im Gange, wo ihm die Heilung der zerstörten Form nicht mehr gelingt: Nämlich in den wandelbaren, instabilen Faltobjekten, die letztlich die physische oder sogar kinetische Erweiterung der Idee des Gemäldes sind.

Hartmut Landauer hat Orte gesucht, die nach oben hin atmen, um seiner Kunst das ihr zustehende Maß an absoluter Freiheit und Konzentration zukommen zu lassen. Reisen und Umziehen, das Leben in der Fremde bedeutet Umdenken und anders Sehen lernen. Da für den Künstler im Unbekannten die Möglichkeit zur Veränderung liegt, wird der Transit zum Lebenskurs: Verirrung, Heimatsuche und Verlust, Häutung, Neufindung, Brüche und Metamorphosen. All dies beschreibt, was sein neues Werk beeinflusst und bedeutet: Die Essenz der Auflösung ist der Wandel.


Die Fotografie als Ergänzung

Schon immer war die Fotografie komplementärer Bestandteil von Hartmut Landauers Kunst. Auch in der Dokumentation des eigenen Schaffens wurde ihm die Fotografie zum wichtigsten Schlüssel zu dessen Verständnis. Beispielsweise dokumentierte er die einzelnen Schichtungsphasen eines Gemäldes, um daraus einen Trickfilm herzustellen, in dem sich das Bild wie von selbst malte: Ein spiritueller Augenblick im Auffinden von Mythen.

"Die modernen Gesellschaften erschaffen eine Welt, in der der Mensch selbst verschwindet und unauffindbar wird. Er löscht sich selbst aus, weil er sich ersetzbar macht." In der Polaroidserie der memoryscapes und den Digitalfotografien der Serie transition erinnert Hartmut Landauer auf menschenleeren Bildern an die geistige Präsenz des Menschen. In seinem Bestreben gegen das Verschwinden anzugehen, zeigt er die Spuren menschlichen Handelns und unbeabsichtigter ungestalteter Gestaltung an auf den ersten Blick trostlos wirkenden Orten. Es sind die unbeachteten Dinge, das spektakulär Unspektakuläre. Bald schon entfaltet sich anarchische Poesie, die leeren Orte sind voll vom Geiste ihrer (ehemaligen oder unsichtbaren) Bewohner: Ist da Schönheit in der Funktion, in der funktionalen Improvisation? Und: Welche Funktion hat die Schönheit? Spurensuche, Manifest des Schöpfens, des Lebens. Die Fotografien sind eine Hommage an die Vorstellungskraft des Menschen. Der Mensch setzt seiner Umgebung immer etwas entgegen, er ergänzt seine Umwelt durch deren Gestaltung und erweitert dadurch seine Grenzen, auch die imaginären.

Die Freiheit des Ungegenständlichen

Die Gemälde und Objekte ragen in den Raum hinein, sind selbst Räume, haben skulpturale Präsenz. Der Horizont in der landschaftlichen Weite, die utopischer Ort für die kraftvollen Figuren seines früheren gegenständlichen Werks war, hat sich hochgeklappt. Diese Vogelperspektive des Satellitenbildes und die immer größer werdende (gedankliche) Entfernung haben die Figur in Hartmut Landauers Bildern ausgelöscht. Durch die Verstellung des Blickwinkels und einer immer stärker werdenden Skepsis gegenüber dem Abbildhaften geriet er in die Terra incognita der Abstraktion, sie war Befreiung vom Abbild, Erweiterung des gedanklichen Raums, der sich beim Verlassen der Gegenständlichkeit öffnet.
Das Thema von Hartmut Landauers Kunst ist jedoch nicht mehr ausschließlich diese Abstraktion oder das Erfinden von Plätzen, Orten und Räumen. Auch ist die Dekonstruktion nur Mittel zur Ganzheit, zur Re-dekonstruktion zurück zu finden. Zwar wirken die riesigen reliefartigen schweren Malereien und filigranen Kartonobjekte wie Architekturmodelle und Skulpturen, als wären sie Teile neu entdeckter unbekannter Welten (was auch ihre Titel suggerieren). Aber seien sie noch so sehr assoziative Referenzen an Architektur und Skulptur, so sind sie doch ungegenständliche Objekte und stehen für das, was sie sind. Sie sind kein Ersatz für Dinge und Räume sondern eigenständige freie Ideen.
"Die Dinge und Räume sind Verlängerungen und Erweiterungen unserer selbst," sagt der Künstler auch und meint damit, dass ein Platz für dasjenige, was nicht mehr in uns hineinpasst geschaffen wird.

"Das, was ich selbst erschaffe, ist nicht nur Sichtbarmachung verborgener Idee, sondern diese in den Raum gegebene Idee ist plötzlich neue eigene Welt!" Hartmut Landauer ist sich sicher, dass "die Dinge um ihrer selbst willen entstehen und sie deshalb universell kommunizieren, ja sogar beseelt sind." Der Betrachter kann diese Sinnlichkeit aufspüren. Diese spürbare Qualität ist für den Künstler ein Anspruch an alle Lebensbereiche und bedeutet, genau betrachtet, Kultur. Die Bausteine dieser Kunst jedoch sind bekannt, erinnert, gelebt, tradiert. Das Gedächtnis an alle Formen und alle Bilder ist kulturell bedingt immer anwesend. Es ist nicht so wichtig, einen neuen Werkstoff erschaffen zu wollen - im Universum geht alles von denselben Grundelementen aus. Ihre Kombination ist der Schlüssel zu Vielfalt, Veränderung und neuer Idee. Wenn all dies zutrifft, so sind die Arbeiten von Hartmut Landauer Botschafter des Hier und Jetzt: Raum, in dem durch die Begegnung mit dem Werk eine eigene Zeit geschaffen wird.

Marko Schacher, Stuttgart, unter Einbeziehung eines Gesprächs mit dem Künstler (Cádiz, Januar 2008)