Die wahren Farben



Es ist die heilige Stunde an einer Küste, die gleich bleibt und sich doch immer verändert,
wir kamen an und gingen fort wie Wellen, Orte und Erinnerung aber bleiben. 
(Gefrorener Sturm im Innern verlassener Häuser an der Ponta do Sol auf Madeira,
Ahnung von Welt in jungen Augen, die auf die Kontinente auswanderten,
dampfende Schluchten aus Holz und Nebel, ersticktes, erstarrtes Waldgrün,
gelber Hafen mit einem zerbrochenen Steg für nie angekommene Segler,
geschlossenes Kino von 1933 mit letzten stummen Vorführungen,
in die Sterne projizierte transinsulare Hoffnungen in Jahrtausendstrandung, 
grünes Erinnern ferner Wüsteninseln, gewaltige Erscheinung unerreichbarer Archipel,
im Licht altmodischer Erfindungen, von Leuchttürmen mit Vulkanfeuern
blitzten Schweißperlen auf den Stirnen von Tagelöhnern und Sklaven in Zuckerrohrmühlen,
Samen unbekannter Früchte am Goldstrand von den ewig Gebliebenen aufgelesen,
der ewig Gegangenen Sehnsucht nach Heimat, der Karavellenverschickten Träume.)

Dem Vulkanwein Porto Santos verdanke ich das Funkeln deines edelsten Steins,
er quälte sich durch das Ocker der Wüsten, er trägt keine Farbe, ist rostig und traurig,
trübrot doch blass wie ein untergegangener Halbmond, abnehmend und stumm,
vom Weltende schwarzer Strände in die subtropischen Zimmer ließ er sich trinken 
und wer ihn trank wird seine wahren Farben niemals vergessen.
Wir stürzten wie Wasserfälle vom Steilhang und hingen aneinander gefesselt wie Fremde
und lernten uns lieben im Zerfleischen auf dem unbefestigten Fels des alten Bettes in der 
Rua Santa Maria, im Mittagstaumel eines tausendjährigen Maulbeerbaums, schlafwandelnd
seinen tiefroten Schatten trinkend, belegte sich meine Stimme mit deinem Namen
und meinen läuteten deine perlmutternen Brüste hinauf in den Nachthimmel des Tages,
friedlich verloren im Nebelwald, entschlummert in unseren Körpern, ein jeder in dem des andern,
schautest du auf das Meer und sahst nichts, ich sah dort das Nichts:
Das Nichts des Horizonts, den Silberspiegel der unendlichen Fragen,
die Gier nach diesem Nichts schwoll an, wir verschlangen einander, in deinem Schrei nach Rettung 
war nichts außer Hunger nach mir und unser Schweiß rann wie ein Lebewesen aus dem 
zerfetzten Eintagsnest, wir vergaßen zu essen, wir vertilgten uns gegenseitig, Wasserkörper
und rosige Blüten zerpflückter Innerei wiederauferstandener Insekten, die Kelche voll Meersalz 
und Augenweiß, geleert und gefüllt und geleert und gefüllt, Blumenholz, Bromelien, 
auf dem Atlantik ein kenternder Dampfer in Festbeleuchtung, erinnerte Farben des Liebens.

(Doch mehr noch, viel zu früh verlorene Liebe: du warst im Nachtsommerzimmer, im dichten Wald
Taucherin eines unterirdischen Sees, ich fraß das karminrote Fleisch der Wassermelonen und säte
die Kerne auf deinem, wie ein Bogen gespannten Rückrat aus und es keimte in den warmen Ackerfurchen und hörte nicht auf, dein Becken gepresst auf die Planken, fiebernd nach Ende und Unendlichkeit, schenktest du alles, gabst alles auf und her, mit gestrafften Zitzen wie eine Amme,
dein Innenleben schlug in meins ein wie Kometen, geboren aus dir, deiner Stimme Kind war ich,
wenn du mich riefst: Liebster, komm zu mir!)

Der Wein der Insel Porto Santo war bitter, ich verlor mich in seinen Farben,
wenn er mild war zu mir in erloschenem Zinnober, konnte er wild sein zu dir mit blutigen Flecken,
wir tranken das Land mit den Zungen aus Lava, wir tranken die Bucht leer mit schwärzlichen Lippen, 
mit irdischen Nabelschnüren verknotet, ineinandergewoben die Körper aus Bernstein,
aus Weinharz und schmelzendem Wachs von Altären, aus Samen und Tränen und Haaren,
Porto Santos Wein war weich, süß und giftig, wie flüssiger Stein rollte er die Kehlen hinunter,
und trug uns in die Himmel der befreiten Gedanken, wir sagten die Worte, wie sie gesagt werden wollten, die Wahrheit der Sprache braucht keine Bilder.


Funchal, 8. 2. 1999, San Ambrosio, 16., 17., 23. u. 27. 2. 2005




 




« Index