exil



in mein eigenes land aus gefundenem gesuchten / aus festgehaltenem und gehütetem /
meißle ich von innen einen hohlraum nach ihrem ebenbild / diese kammer ist das exil 
zweier menschen erinnerung an ein leben, das es nicht gegeben hat /
nur einen herzschlag glück haben wir gekannt und im himmel versteckt /
dort finde ich mich und atme ich / nehme ich gefangen / werde ich gefangen genommen und liebe / 
in sklaverei und freiheit / im exil der verlassenheit inmitten der ströme ihres pulses /
des heißen rauschens ihres bluts /  dort in ihrem herzen, wo sie mich liebt und gegen mich kämpft 
und vergisst und erinnert / dort ist fremde heimat / dort atmet sie mich aus und ein /
durch diese türen / durch meine augen kam sie herein und brachte alles mit, was sie fortnahm /
und überließ mir alles, was sie vorher zerstörte / 
sie brachte die seestürme mit an land, die nicht aufhören in mir zu wüten /
sie gehorchen keinen gesetzen / ihre liebe kommt und geht vorüber wie naturgewalt,
die niemand kontrolliert /  und deshalb ist sie die einzige, die mich lehrte, was die liebe ist /
sie lähmt mein herz mit dem gift, das mich am leben hält /
sie erfand ein lied, das nie aufhört und ich begann dazu zu tanzen /
ich ahnte nicht, wie gefährlich sie ist: denn ich wusste nicht, daß sie mein leben bestimmen würde /
daß sie mich beherrschen würde / unwissentlich und ungewollt /
für alle zeit / obwohl sie schon so weit fort von mir ist /
unter ihren brauen ist das land, das ich suchte und das mich fand / das mich aufnahm
in lauterem wimpernschlag und sich um mich schloss im tiefen tränenwasserfall /
ich ging fort von ihr damit sie lebe und seitdem sterbe ich / ich bleibe am fluchtort / 
ich sehe zu, wie ich ende in ihr / die sommerwiese, der bach und ihre haut, die weichen hände
finden kein ende im gedächtnis / die bilder kommen nie zur ruhe / ihr atmen im licht /
alles was bleiben wird ist dieses bild in meiner toten augen finsternis:
immer dies licht deiner sonne, aus dem mein heller schatten wächst
und zärtlich frei im grün der hügelketten atmet / im schwarzen uferdickicht 
finde ich dich immer wieder neu und erfinde dich /
kein glück hat jemals so gelacht wie deines / kein auge tiefer je in mich geschaut /
wo ich gehe ist erinnern / es ist in jedem lufthauch /
ich möchte deinem lachen eine insel bauen im gewirr der schiffbrüchigen stimmen
damit sie endlich untergingen / bis dies glück ein haus in mir und dir gefunden hat





Madrid, 3.10.1992, Stuttgart, 3. 5. 2003, San Ambrosio, 21. 2. 2005





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