h. amador landauer - unvollendete landschaft
Pazifik (früher Abend)
(Gesicht im Tageslicht: eine Sanduhr aus Sternen löst sich auf im Erwachen,
Augen des Morgens ohne Gezeiten, ihr Tag kommt mit dem Schrei eines Vogels,
mein altes Haus aus Hügeln, aus Regen, aus Licht, meine Türen aus Meeren:
für immer komme ich in dich zurück: unsterbliches ich, hier ist es)
Treibholzküste vergessener Buchten, am Silbermeer vor der Goldsekunde,
wenn du auftauchst aus schaumroten Wellen, verwahrt im Tresor meiner Augen,
umhüllt vom Leuchten der Ventura, im warmen Atem des Planeten
wirst du zur Göttin dieses Meeres, blondbraun von der Aureole bis zum Schoß,
ich stehe als Fremder vor dir, verführt zum sehen, lichtgebildetes Wesen,
am frühen Abend zärtlichen Scheins,
augenvolles Dunkeln / Inseln und Boote / ein Strand, der ins Meer fließt,
die Nacht erkennt mich mit dem ersten scheuen Erscheinen der Venus
und ich fand dich am frühen Abend, Maria der Engel, ich folgte dir in dein Sandhaus,
das du bautest mit schlanken Fingern, wir fingen Krebse mit Sambojungen im Wetterleuchten,
Chones zärtliche Augen flackern in mir wie Nachglimmen von Blitzen,
aus meinem Körper formten sie sich ein Nest zum schlafen, Esmeraldas und Manabí,
der Erde schönste weibliche Provinzen, im Schatten der Ceibos, im Sumpfland der Flüsse,
eines frühen Abends werden wir uns wieder lieben, mit in die Tropen getauchten Geschlechtern,
mit sonnengegilbtem Haar der Geliebten und meersalzkristallenen Lippen,
viele Wahrheiten gibt es, doch eine ist einzig: daß alles im Universum nur einmal geschieht!
unter der Milchstraße stand ich und ließ mich verbrennen von den ungezählten glühenden Punkten,
jetzt kann ich frei einsam sein zwischen den Wellen, den Menschen, der erotischen Hitze der Wirklichkeit,
ich gehöre mir nicht, ich gehöre zu niemandem, doch an diesen Augenblick habe ich mich ausgeliefert,
verkauft und verraten, Weltwunderaugenblick, alles ist meins in der Welt der herrenlosen Dinge
und ich bin persönlicher Besitz des Nichts,
nimm mir alles, Tod, fleischfressende Blume, wenn ich jetzt sterbe bin ich ohne Angst,
denn ich habe in diese Augen geblickt: die weltlosen und zeitlosen Augenblicke geschaut,
ich will solche Wahrheit schaffen mit meinen Händen, dafür wurde ich von euch erfunden,
gerufen dies Sein zu bezeugen um nichts zu vergessen:
weiße pazifische Nacht, die aus dem Meer wuchs mit Mond und Wogenkronen,
leise atmen Hütten ohne Wände, Palmwipfel sind still und die leeren Nachen schlafen,
näher kommt das Meer und deine braunen Augen gehen unter, jeden Abend neu und anders,
Verliebte stranden, sie ertrinken im sehnen, nur unter Wasser durften sich unsere Münder begegnen,
einen Sonnenuntergang lang liebtest du mich, im Schatten des frühen Abends,
wo die grünen Mangrovenflüsse in den Pazifik münden und die dunklen Fischer im Gegenlicht brennen,
um das mühevolle uralte Leben des Gleichklangs zu leben, in Armut geboren, gestorben,
der Mensch blühe nur einmal sagen die Menschen doch ich weiß: in Liebe blüht er ewig,
du nahmst mich an dich um in mir zu verschwinden, dich aufzulösen in meinen Adern,
ich bestand nur aus dir, mein Herzschlag war deiner, wir konnten einander nicht halten,
Rückkehr zum Pazifik, Sand in meinen Händen und in deinem Namen, warme Haut im Verglühen,
das alte Haus trug el Niño fort, nur auf Mars und Venus bleiben die Küsten von Baja bis Punta Arenas
für immer unberührt, mit der Steilufertreppe zum Strand, von dem du aufbrachst du zu sein,
Abendtiere bevölkern die Welt, zwei Albatrosse kreisen draußen, dicht am Ende des Meeres,
ich kehre zurück in meine Zeit, wenn ich gehe.
Quito, 16. u. 19.1 1998, Tonsupa, 25. 3. 2001, Barra de Potosí, 27. 2. 1994, San Ambrosio, 31. 1., 13., 23. u. 26. 2., 6. 3. 2005
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