Vollendung



das Schweigen der verlorenen Worte wird lauter
der Stuhl, das Blatt sind Heimat, meine Gedanken und dieser Wald der Stille und die Erinnerung
die Worte sind meine Heimat, wenn sie sagen wie sehr mich die Heimatlosigkeit schmerzt
wenn die Worte nicht wären wüsste ich nichts über mich
die Worte, mit denen ich meinen Mund wieder lebendig mache 
den Tod mit Speichel fortwische und Worte für deine Worte erfinde
jetzt im Rosmarinwald, wo ich zwischen den Stämmen die untergehende Sonne jage
in ihrem ewigen atlantischen Exil des Abends
erfinde ich dich durch Augenblickworte, Sätze der Lebendigkeit, Worte wie Jagdbeute
Ausbeute eines Lebens, eines Liebesterbens
tröstendes kurzes Glimmen des gesprochenen, gesagten, geschriebenen Liebens



es waren geschwiegene Worte, die uns auseinanderrissen
und alles, was ich noch in einem halben Liebesleben zu dir gesagt hätte scheint verloren
und alles liegt weit zurück und schläft in deinem neuen Leben 
dieselben in mir wachenden Gedanken schlafen in dir ohne zu träumen
aus ihnen baue ich die Sätze, die so lebendig sind als wären sie die Wirklichkeit
doch ich will dich nicht zurückholen - du bist vergangen
nur diese Worte sind es nicht

ich reiße mir die Worte aus den Eingeweiden, schneide sie mir aus den Rippen
dies ist der Beginn einer neuen Sprache - reines Wesen der Liebe, wandle auf dieser Welt!
langsam bildest du dich ab als wüchse aus dem Schweißtuch der lebendige Heiland neu
ein Mensch aus Fleisch und Blut, der mit nackten Augen die Sonne in mein Schattenland trägt
sie leuchtet von innen, aus ihrem Leib tritt das magische Glühen des Lebens
lebendige Hitze, irdisch und himmlisch zugleich
durch dich lebe ich, weil du mein Blut bist und das Gesehene meiner Blicke
das Erdachte meines Denkens, das Gesprochene meiner Sprache
du bist das Wort Vollendung 














San Ambrosio, 11. 2. 2005



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