wellenschlagende, du machst die gezeiten



schreiben ist angekommenes denken, worte sind farben zerbrechlicher wahrheit,
gemischt in sätzen werden sie zu orten, zu landschaften, um in ihnen zu wandeln,
dunkle welten und helle höhen, sie bauen ein versteck zum atemholen,
zum bleiben und weinen, schreie im stummsein malen mit seelenschimmern
ein vermächtnis der tiefen, straßengeflecht, atlas des fühlens, erfühlte terrae incognitae,
bedenkenloses mich ausliefern an das wort, nie an es ausgeliefert sein, 
worte sind loyal, wenn sie in freiheit heranwachsen, sie sind frei,  

ich möchte wissen, ob es in mir eine andere möglichkeit des denkens gibt,
ob in meinem körper das helle licht wohnt, das durch meine augen fließt,
ob ich immer träumen muss oder traum sein kann?
(um das wasser zu sehen, das ich bin, die stimme zu sein, die ich höre und die liebe, die ich fühle),
schläft in mir die schönheit der pflanzen oder haftet andererseits einer blume 
etwas dunkles und hässliches an? ist etwas abgründiges in den augen eines tiers?
ist die weite der wüsten immer noch in mir oder war sie es je?
sind städte in mir, felder und menschengesichter, die ich einließ durch meine blicke?
lächeln ihre augen, spricht ihre stimme in mir? ist es dunkel in meinem innern,
wenn ich die augen schließe und schweige? 

in einer fremden sprache versteckte ich mich, die niemand versteht,
doch ich will so nicht mehr schweigen: es sind zu viele sprachen in mir,
ein zeuge der schmerzen aller und aller schmerzen, der wunder des verwundetwerdens,
etwas, das stärker ist als ich erwacht tief in mir, die kenntnis der fragen,
ungewissheit ist die gefährtin der freiheit, je mehr gewiss ist, desto näher rückt das ende,
ich möchte lernen jeden gedanken anders zu denken, 
wissen ist nicht wichtig aber das wissenwollen,

wir stehen voneinander getrennt, doch unsere schatten begegnen sich,
wellenschlagende, du machst die gezeiten,
im ufersand schimmert dein haar, wenn die brandung darübergeht,
du kommst an, treibst vorbei, du bist fort, du kommst an, du schlägst wellen ohne zu wollen,
wolken meines himmels färben sich in farben deines abends, deines morgens lachen
schallt von fels zu fels in der endlosen schönheit des erwachens der welt,
(während erinnerungsgischt unentwegt das alte strandgut auf mich spült
mit unentrinnbarem schlagen, 
tausend lieder auf das meer zu dieser stunde habe ich, haben andere schon gedichtet, 
doch alle sind sie anders - keine welle gleicht der nächsten),
alles, was ich verloren habe trage ich noch in mir,
das irrsinnige leid, das begann seit es menschen gibt hinterließ eine spur,
sie führt zu dir, du bist dein eigenes glück in meinen armen, 
wenn du lachst gibt es keinen schmerz mehr, 
unrecht scheint die welt, diese liebe eine andere,
welches land liegt dazwischen? wo verlaufen die grenzen?
machen wir diese welten?

die gier nach dem glück versperrt selbst den weg dorthin,
glück ließ sich niemals suchen, vorbereiten, verlangen oder bezahlen, 
ich befreie dich aus deiner gefangenschaft, du befreist mich aus meiner,
eines tages hole ich dich in die freiheit unserer liebe.



Kirchheim, 18. 3. 1996, Los Cocos (Nayarit), 27. 9. 1996, San Ambrosio, 28. 2., 3., 5. u. 7. 3. 2005



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